Die Mittagspause

30 Minuten Mittagspause, ein heißer Sommertag. Sein Körper verlangt nach Zucker und einer Abkühlung. Er denkt an die kleine Eisdiele auf der anderen Straßenseite. Die kommt ihm gerade recht.

In alle Richtungen reckt die junge Frau vor ihm in der Schlange ihren Kopf, prüft alle Eissorten sorgsam. Er empfindet es als persönliches Pech, dass ausgrechnet er ständig hinter einer warten muss, die sich ewig nicht entscheiden kann. Er dagegen weiß schließlich genau, was er möchte. Er hat es sich schon auf dem Weg über die Straße überlegt. Eine Kugel Schokolade, eine andere mit Haselnuss. Ihn interessieren die anderen Geschmacksrichtungen gar nicht erst.

Ein Schweißtropfen läuft unter seinem T-Shirt sein Rückrat entlang. Noch 25 Minuten Mittagspause. Geduldig wartet die Eisverkäuferin mit dem Portionierer und einem Pappbecher bewaffnet auf eine Entscheidung. „Mit Schokolade kann man doch eigentlich nichts falsch machen“, spricht er die Vorderdame an, die sich prompt zu ihm herum dreht und sich aufgeregt entschuldigt. „Ich suche immer das Besondere, aber vielleicht haben Sie recht“, gibt sie zu und schenkt ihm ein Lächeln, das ihn vergessen lässt, dass er für seine Mittagspause nur noch 23 Minuten hat.

Im Bezahlen ist sie flott. Das Geld hat sie passend in der Hosentasche. Geschickt balanciert sie die dicke schwere Umhängetasche und den Eisbecher mit dem leuchtend orangen Plastiklöffel Richtung Ausgang.

Draußen trifft er sie wieder. Sie sitzt auf der schattigen Parkbank, auf der er sich vorgenommen hatte seine Mittagspause zu verbringen. Mit einem schüchternen Lächeln und einem kurzen Nicken signalisiert sie, dass er sich dazu setzen darf. Hübsch ist sie, findet er. Eine blonde Haarstähne fällt ihr chaotisch ins Gesicht.

„Für welche Sorten haben Sie sich entschieden?“, fragt er, weil es ihn wirklich interessiert. „Schokolade und Haselnuss. Dann doch etwas ganz gewöhnliches“, entgegenet sie, schiebt sich sich mittem im Satz einen Löffel Eis zwischen die zartroten Lippen. Schokolade und Haselnuss, er schmunzelt. Doch eines, das muss er noch wissen: „Sind Sie mit dieser Wahl zufrieden?“ Sanft wiegt sie den Kopf, gestikuliert mit ihrem Löffel auf den Becher zeigend. „Nein, ich hätte eine Waffel nehmen sollen.“

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Dieser Beitrag ist Mirko R. gewidmet, weil er mich hierzu inspirierte.

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