Der Gemeine

Ich würde 1.000 Euro wetten, dass dieser Typ andauert gemein zu Frauen ist. Ständig macht er sie verliebt und verwehrt ihnen anschließend die erhoffte Beziehung. Er habe eine lange Beziehung hinter sich, sagt er dann (hat er nicht), er wolle seine Freiheit genießen, sagt er dann (will er nicht), er könne sich nicht binden, sagt er dann (kann er schon). – Schon kurze Zeit später wechselt sein Kontaktbild im Messenger zu einer grau-weißen abstrakten Figur. Er kennt alle Gesten, die ihn vertrauenswürdig machen. Er küsst Stirnen, er streicht Haare hinter die Ohren, er leckt, bevor er fickt. – Wie sein Haar liegt, das sagt mir schon alles. Dieses volle, aber stumpfe Haar, es wippt bei jeder Bewegung. Er weiß, dass er schön ist. Er denkt an nichts anderes. Er erinnert sich nicht mehr an den letzten Flirt, der schief gelaufen ist. Er erinnert sich schon nicht mehr an die Frau vom letzten Wochenende. Ob blond oder brünett, ob Sarah oder Emma. – Die Straßenbahn hält ungewöhnlich lange. – Nie nimmt er eine nach Hause, er geht ausschließlich zu ihnen. Damit sie seine Adresse nicht kennen. Damit sie nicht kommen und ihrem Ärger Luft machen. – Ununterbrochen blickt er das Display seines Mobiltelefons. Garantiert macht er gerade eine neue Ahnungslose verliebt. Am liebsten möchte ich es ihm aus der Hand nehmen und die Liebe warnen. Siehst du denn nicht, dass er einer von den Gemeinen ist? Er blickt aus der Fensterfront der Straßenbahn, beginnt mit dem Fuß zu wippen. Auf seinem Display ist kein Chatverlauf. Die Karten-App. Wahrscheinlich der Weg zum Tinderdate. – Unsere Blicke treffen sich, da zieht er sorgenvoll die Augenbrauen hoch: „Wieso stehen wir hier?“. Ich drehe mich in Fahrtrichtung und zucke mit den Schultern. „Weiß nicht“, krächze ich, denn ich hatte nicht damit gerechnet angesprochen zu werden und muss mich räuspern. Ich recke mich, versuche ein Hindernis zu entdecken, welches uns zu diesen unplanmäßigen Zwischenstopp zwingt. Er wird nervöser, gleich springt er sicher auf und schimpft jähzornig auf alles, was nichts für diese Situation kann. – Ein Lächeln rutscht über sein Gesicht. Ich erkenne die Messenger-App. Er blickt mich an und wieder nervös aus dem Fenster. Ein Fahrzeug der Müllabfuhr fährt vorbei. „Ich werde heute noch Vater“, spricht er mich verlegen an als die Straßenbahn sich wieder in Bewegung setzt und er sich dessen erleichtert zeigt. „Ich fahre gerade ins Krankenhaus zu meiner Frau.“ – Ich nicke und lächle, schäme und hasse mich selbst.

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